2. Interdisziplinäre Summerschool "Sprachentwicklung und ihre Störungen"

Universität Bamberg, Nationales Bildungspanel (NEPS)
30.09. - 02.10.2013

Die Sprachentwicklung und ihre Störungen besser zu verstehen und wirksame Förderung und Therapie zu ermöglichen, ist eine dringende Aufgabe. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Disziplinen beschäftigt sich mit Fragestellungen, die für diese Aufgabe relevant sind. Die Gesellschaft für interdisziplinäre Spracherwerbsforschung und kindliche Sprachstörungen im deutschsprachigen Raum e.V. (GISKID) will sie bündeln und Nachwuchswissenschaftler, die an ihnen arbeiten, vernetzen. Gemeinsam mit dem Lehrstuhl Sonderpädagogik Sprache & Kommunikation der Universität Leipzig und der Ständigen Konferenz der Dozentinnen und Dozenten für Sprachbehindertenpädagogik lud die GISKID zu einer interdisziplinären Summerschool an das Nationale Bildungspanel der Universität Bamberg ein. Unter der Leitung von Dr. Stephan Sallat trafen sich 32 (Nachwuchs-)Wissenschaftler aus der Sonderpädagogik, Psychologie, Linguistik, Sprachtherapie und angrenzenden Fachgebieten vom 30.09. - 02.10.2013 zu Vorträgen, Workshops und persönlichem Austausch unter der Überschrift "Sprachentwicklung und ihre Störungen". Als Vertreter der Veranstalter nahmen neben Dr. Stephan Sallat auch Prof. Dr. Christian W. Glück und Prof. Dr. Steffi Sachse an der Summerschool teil.

Den Auftakt der Summerschool bildete ein Workshop von Prof. Dr. Sabine Weinert von der Universität Bamberg über die Wechselwirkungen von Sprach- und Kognitionsentwicklung. Sie stellte Theorien und Studien zu der Frage vor wie sich zeitlich parallele Entwicklungsverläufe von Sprache und Kognition beeinflussen können. In ihren eigenen Untersuchungen berücksichtigt sie unter anderem Alter, Wortschatzstand und Wortschatzuwachs und wertet die Daten mit komplexen Analysemodellen aus. So konnte sie zeigen, dass kognitive Fähigkeiten bis zum Alter von fünf Jahren tatsächlich der "Schrittmacher" des Wortschatzerwerbs sind, dass sich diese Wirkungsrichtung ab dem Alter von fünf Jahren jedoch umkehrt.

Neue Forschungsmöglichkeiten erläuterten die Mitarbeiter des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Das NEPS stellt in seiner Datenbank Daten von mehr als 60.000 Personen zu zentralen bildungswissenschaftlichen Fragestellungen bereit. Die Geschäftsführerin des NEPS, Dr. Jutta von Maurice, erläuterte, dass durch die längsschnittlich in einem Kohorten-Sequenz Design erhobenen Daten erstmals auch Bildungsverläufe nachgezeichnet werden könnten. Damit hebt sich die Arbeit des NEPS zum Beispiel von im Rahmen der PISA-Studien erhobenen Daten ab. NEPS-Mitarbeiter Daniel Bela und Tobias Koberg beschrieben die Datenbankstruktur und vermittelten einen Eindruck von Möglichkeiten im Umgang mit dem komplexen Datensatz. Der Datensatz überzeugt durch den enormen Stichprobenumfang, die Zugänglichkeit für jeden Mitarbeiter einer Forschungseinrichtung sowie die Serviceleistung der NEPS-Mitarbeiter.

Einen Einblick in die Herausforderungen der praktischen Umsetzung von Sprachförderung gab Dr. Andreas Weber, Leiter der Abteilung Bildung der Baden-Württemberg-Stiftung sowie Initiator des Sprachförderprogramms "Sag' mal was". Dr. Weber beleuchtete insbesondere die Spannungen, die zwischen wissenschaftlich fundierter Sprachförderung und ihrer öffentlichen Wahrnehmung entstehen können, wenn Erfolge schwer messbar sind. Für eine aussagekräftige Evaluation eines Sprachförderprogramms müssen Projekte qualitativ und quantitativ kontrolliert in einer Vielzahl von Betreuungseinrichtungen durchgeführt werden. Eine solche Projektimplementierung sei bislang nicht gelungen. Die Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass Evaluation von Sprachförderprogrammen wichtig ist um zukünftige Sprachförderprogramme weiterzuentwickeln, die Öffentlichkeit über sprachförderndes Verhalten zu informieren oder die sinnvolle Vergabe von Mitteln zu verdeutlichen. Diese gesellschaftspolitische Perspektive auf Sprachentwicklung und Sprachförderung führte für die meisten Summerschoolteilnehmer weit über die Thematik ihrer Promotions- und Habilitationsprojekte hinaus.

Ein Kernanliegen der Summerschool war der fachliche Austausch zwischen den Teilnehmern und das Ausloten gemeinsamer Forschungsinteressen. Er wurde in einem Forschungskolloquium angeregt, in dem Teilnehmer eigene Forschungsprojekte vorstellten. Dabei beeindruckte die Bandbreite der aktuell bearbeiteten Forschungsfragen: zu linguistischen Fähigkeiten bei Kindern mit orofazialen Spalten, lautsprachunterstützende Gebärden bei Kindern mit leichter Intelligenzminderung oder zur phonologischen Bewusstheit bei Kindern mit Chochlea-Implantaten, zu Spracherwerbsstörungen bei mehrsprachigen Kindern und zur Rolle von Gesten oder Strategien in der Wortschatztherapie. Die Teilnehmer thematisierten auch Probleme ihrer Arbeiten und erhielten konstruktive Lösungsvorschläge für sie. Die Teilnehmer profitierten dabei vom Erfahrungsaustausch zu den Themen Rekrutierung homogener Patientengruppen, Analyse komplexer statistischer Daten sowie der Erfassung und Darstellung non-verbaler Fähigkeiten. In einem moderierten Plenumsgespräch wurde schließlich Gelegenheit gegeben, andere Tagungen zu empfehlen, sich zu Möglichkeiten der Mittelbeschaffung auszutauschen, Ratschläge bei Bewerbungsverfahren zu erhalten oder sich für weiterführende Gespräche zu verabreden. Die fachlichen und persönlichen Gespräche wurden im begleitenden Freizeitprogramm vertieft - bei Restaurantbesuch, Stadtführung und Kneipenbesuch in Bambergs pittoreskem Zentrum.

Verabschiedet wurden die Teilnehmer mit der herzlichen Einladung für 2014 zum Nachwuchsforum im Rahmen der Interdisziplinären Tagung über Sprachentwicklungsstörungen (ISES VIII) in München sowie zur 3. Interdisziplinären Summerschool der GISKID.

Veranstalter und Teilnehmer danken dem BMBF für die finanzielle Unterstützung der Summerschool im Rahmen der Nachwuchsförderung in der empirischen Bildungswissenschaft.

Elisabeth Fleischhauer (Potsdam)

Das ausführliche Programm finden Sie hier.

Teilnehmer:

Marie Bansner (Hannover)
Beate Birner-Janusch (Aachen)
Nora Budde-Spengler (Ulm)
Anika Butz (Leipzig)
Dr. habil. Frank Domahs (Marburg)
Dr. habil. Ulrike Domahs (Marburg)
Daniela Eiband (Würzburg)
Elisabeth Fleischhauer (Potsdam)
Felix Frobel (Gießen)
Sarah Girlich (Leipzig)
Julia Held (München)
Ulla Licandro (Hannover)
Carina Lüke (Dortmund)
Timo Lüke (Dortmund)
Dr. Amelie Mahlstedt (Leipzig)
Dana-Kristin Marks (Köln)
Patricia Pomnitz (Frankfurt)
Katrin Riederer (München)
Svenja Ringmann (Weimar)
Katharina Salgert (Rostock/Sheffield)
Dr. Bianka Schramm (Mainz )
Dr. Anja Schröder (Rostock)
Ulrike Schütte (Hannover)
Anja Starke (Dortmund)
Christine Steinmetzer (Leipzig)
Ulrich Stitzinger (Hannover)
Maria Trüggelmann (Bielefeld)
Susanne Vogt (Idstein)
Verena Voit (Würzburg)
Dr. Ramona Wenzel (Bamberg)
Alisa Wiesenberger (München)